Ozimek in der Nähe von Opole, Polen
Piotr kam auf seine Schwester zu und schnappte sich den alten Strohhut, den Großvater immer auf der Bank liegen ließ. Er drehte den Hut zurecht und baute sich breitbeinig vor Nadja auf. Die Hände an die Hüften gestemmt, sagte er „Yeehaw, ich bin ein Cowboy!“. Nadja konnte sich kaum halten vor lachen und konnte nicht anders als Piotrs Kopf zärtlich gegen ihren Bauch zu drücken. „Oh Piotr, hier in Polen kannst du kein Cowboy sein. Hier gibt es doch nur Kühe in der Kolchose und man braucht gar keinen Hut, weil es hier fast immer regnet!“. Trotzig und gleichzeitig schon etwas weniger überzeugt wimmerte Piotr: „Yeehaw, ich bin ein Cowboy?“.
Warum wollte Piotr denn bloß Cowboy werden? Ok, die weiten Landschaften und Natur waren wirklich ein Vorteil vom abgelegenen Städtchen Ozimek. Naja und wenn man auf Volksfeste mit Polka-Marathonen stand war das hier der Nabel der Welt. Was sollte bloß aus mir werden in diesem langweiligen Kaff?
Und mit der holden Männerwelt sah es hier auch nicht gerade toll aus. Onkel Karol, der in Deutschland lebte, hatte letztens mal gesagt, das Beste an Polen wären die polnischen Frauen. Leider funktioniert das Argument auch rückwärts.
Im Zug
Nadja und Lenka betraten das 2. Klasse Abteil des Regionalexpresses von Lübben nach Zossen. Hinter sich zogen sie den riesigen, alten, schwarzen Koffer von Babuschka. Damit war sie im großen Krieg aus Warschau geflohen, als die Deutschen in Warschau einmarschierten. Sie hatte sich damals ausgerechnet, dass es sich auf dem Land einfacher leben ließe, weit weg von der eisernen Kontrolle der Wehrmacht. Babuschka drehte sich wahrscheinlich wie ein Derwisch auf Drogen in ihrem Grab um, wenn sie wüsste, dass Nadja mit demselben Koffer auf dem Weg nach Berlin war.
Das Abteil war zu Nadjas Freude kaum gefüllt und gleich die erste Vierer-Gruppe auf der linken Seite war frei. Lenka ließ sich erleichtert in einen Fensterplatz fallen und streifte ihre abgetragene Cordjacke ab. „Na endlich sind wir wieder im Warmen! Unglaublich, dass es in diesem Mini-Bahnhof nicht einmal einen Warteraum gibt.“
In dem Waggon saßen außer ihnen noch zwei ältere Männer neben der Tür. Der eine war ca. Mitte 40 und der andere schon deutlich über 70. Vielleicht Vater und Sohn? Der jüngere hatte kurze schwarze Haare mit grauen Flecken und einen kurz gestutzten Bart. Er trug einen grauen Pullover und eine dunkelgrünen Jeans und schien ein ruhiger und freundlicher Typ zu sein. Sein älterer Begleiter hatte ein makelloses schwarzes Hemd an, das ganz im Gegensatz zu seinem recht hässlichen Gesicht stand. Er hatte ein fliehendes Kinn und sehr lichtes weißes Haar, die sich auf seinem Kopf wie Jäger bei der Treibjagd weiträumig verteilt hatten. Auf der rechten Gesichtshälfte hatte er vom Hals bis zur Schläfe einzelne fingerdicke rote Flecken, die sich wie langgestreckte Kontinente auf seinem runden Kopf erstreckten. Die zwei Männer schauten angestrengt auf einen von diesen rot-weißen Zetteln, die die Deutsche Bahn für ihre Bahntickets benutzte.
Vor den zwei Männern saß ein junges Paar in einem Vierer nebeneinander. Der Mann hat kurze blonde Haare und trug einen strahlend türkis-farbenen Schlumpf-Pullover und eine makellose Jeans. Die Frau hatte rote Haare, die sie zu einem Knoten zusammengesteckt hatte. Beide schauten gebannt auf irgendein elektronisches Gerät, aus dem zwei Kabel herauskamen und sich mit ihren teuer aussehenden Kopfhörern verband. Sie waren völlig eingenommen von dem Ding und schienen dem wunderschönen Licht der untergehenden Sonne keine Beachtung zu schenken.
Auf Polnisch sagte Nadja zu Lenka: „Ich hoffe wir werden auch nicht zu solchen Kopfhörerzombies, wenn wir viel Geld in Berlin verdienen!“. Lenka antwortete fröhlich „Nee, bestimmt nicht wir investieren alles ganz seriös in Wodka und Steaks!“. Da schauten die zwei Männer auf und der jüngere fragte auf Polnisch: „Ah seid ihr aus Polen?“. Nadja und Lenka bejahten und er fuhr erleichtert vor: “Ah klasse, wir können gar kein Deutsch und wissen nicht ob, wir im richtigen Zug sitzen. Wir wollen nach Guben.“. Nadja antwortete „Nee, keine Ahnung. Der Zug fährt ja nach Zossen. Wir sind auf dem Weg nach Berlin.“ „Kennt ihr nicht Guben, das ist ne ziemlich große Stadt, gar nicht weit von hier.“ „Wir kommen gerade erst aus Ozimek in der Nähe von Opale und sind zum ersten Mal in Deutschland.“ „Ach vielleicht kennt ihr Guben dann nur unter ihrem polnischem Namen: Gubina.“ „Ja klar kennen wir Gubina.“ Wegen des Irrtums mussten alle lachen. Nachdem sie sich wieder ein wenig eingekriegt hatten, sagte Lenka: „Also da seid ihr ja im richtigen Zug. In Zossen müsste ihr dann auch umsteigen.“
Um es sich noch etwas gemütlicher zu machen holte Lenka ein Tuch hervor mit dem Kommentar: “Damit uns die teutonische Sonne nicht den Skalp abbrennt, bevor wir angekommen sind.“ Da höhnte der Alte „Ja pass auf sonst siehste bald aus wie ich.“, aber er sagte es so jovial, dass sie ein Kichern nicht unterdrücken konnten. Aus Babuschka’s Reisetasche kramte Nadja zwei Becher und eine Flasche Johannisbeeresaft. Als sie auch die passende Wodka-Flasche rausholte, kommentierte der jüngere Pole sofort „Na ist das Gorbatschow-Wodka? Das ist echt der Beste!“ „Ja“, antwortete Nadja und Lenka erwiderte mit erhobenem Glas :„chlusniem bo usniem!“ —- das heißt so viel wie „kippen wir noch einen, sonst schlafen wir ein“. Von da an war die Stimmung im Abteil wie auf einer Party. Nachdem auch das Tuch mit einigen alkoholbedingten Schwierigkeiten drapiert war, saßen die vier in buntes Licht getaucht. Der Alte hörte nicht auf alte Geschichten aus seiner Jugendzeit in Polen zu erzählen und die Mädchen mussten darüber laut lachen. Sein Sohn stellte hier und da die Räuberpistolen richtig, wenn er zu viel Garn spann.
Der Alte konnte nicht aufhören den Mädchen auf ihrem Weg nach Berlin nostalgische Geschichten zu erzählen, so froh ein paar Polinnen zu treffen, mit denen er reden konnte, in diesem fremden Land.
Nadja’s Nachtnotizen
Seit einem Jahr wohne ich jetzt schon in Berlin. Hier kann man ja ganz gut leben, aber es ist schon ganz anders, als es in der polnischen Provinz hergeht. Gut meine Arbeit ist ein bisschen langweilig, weil ich Nachtportier in einem Hotel bin. Weil aber nichts los ist, kann ich immer gute Musik mit Kopfhörern hören und ich schreibe kleine Geschichten über die Hotelgäste auf. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht zu meinem Leben in Polen, als wir immer früh ins Bett gegangen sind.
Bald habe ich eine Sammlung zusammen, dann geh ich zu einem der zig Verlage in Berlin und gib es zur Veröffentlichung. Naja, reich werde ich hier bestimmt nicht damit in Berlin, aber ich genieße die kreative Atmosphäre hier. Ich frag mich, was Lenka wohl gerade macht. Sie müsste doch auch bald zurück von der Arbeit kommen. Dann kann sie auch endlich wieder spülen. Sie ist jetzt wirklich mal dran. Als Kellnerin müsste sie ja eigentlich wissen, wie nervig das ist. Oh, ich glaub jetzt werde ich schon so spießig wie die Deutschen!
Manchmal muss ich an den alten Mann aus der Bahn denken, der uns so viele Geschichten aus seiner Jugend in Polen erzählt hat. Das war als ob wir Polen ein letztes mal verabschiedet hätten.
Berlin ist in vielem so anders als Ozimek. Hier sind überall Menschen. Egal wann und wo man ist, hier gibt es immer Leute. Letztens in Friedrichshain ist mir aufgefallen, dass alle so ähnlich angezogen sind. Die Männer haben alle enge Hosen und Haarschnitte wie aus den 20er Jahren und die Frauen tragen Klamotten, die in ihrer gezwungenen Andersartigkeit auch schon wieder wie Uniformen wirken. So viel anders ist das ja auch nicht zu den Bauern in Ozimek, die alle in ihren Latzhosen auf den Feldern stehen, und den Babuschkas mit ihren Kopftüchern, die die Vorgärten umgraben. Naja und Cowboys hab ich hier auch noch keine getroffen.
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